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Die Maus im All, Kapitel 1

Veröffentlicht am 26. Mai 2026 · T S

Die Maus im All, Kapitel 1

Eine Maus die es schafft ins Weltall zu fliegen.

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Das Perfekte zuhause

Felix war die fröhlichste Maus, die man sich vorstellen konnte, und das lag vor allem an einem einzigen, wunderbaren Umstand: Er hatte das allerbeste Zuhause auf der ganzen Welt. Davon war er fest überzeugt, und er hatte gute Gründe dafür.

Felix war eine kleine Feldmaus mit einem scharfen, aufmerksamen Blick und einem Herzen, das vor Zufriedenheit nur so überlief. Was er am allermeisten liebte, war die Ruhe. Stille Morgen, an denen nur das Rascheln der Blätter zu hören war. Warme Nachmittage, an denen er sich in seinem Nest zusammenrollte und dem fernen Summen der Bienen lauschte. Kühle Abende, an denen die Wiese in goldenes Licht getaucht wurde. All das machte Felix glücklich, so richtig, tief im Bauch glücklich.

Sein Bau befand sich tief in den verschlungenen Wurzeln einer alten Eiche, die am Rande einer weitläufigen Wiese stand. Die Wurzeln griffen wie mächtige Finger in die Erde, bildeten Bögen und Kammern, und genau in einer dieser Kammern, warm, trocken und von der Welt vergessen, hatte Felix sein Nest gebaut. Er hatte es mit Moos ausgepolstert, das er an einem nebligen Herbstmorgen gesammelt hatte, und mit ein paar Fetzen Wolle, die der Wind einmal von einem fernen Bauernhof herübergetragen hatte. Die Wände rochen nach Erde und Holz, nach Regen, der vor Wochen gefallen war, und nach dem leisen, beständigen Atem der Natur. Es war dunkel, wenn Felix es wollte, hell, wenn er ein wenig weiter nach oben kletterte und durch den schmalen Eingang lugte. Kurz gesagt: Es war perfekt.

Und dann war da noch das Essen, das zweite große Argument für diesen Ort. Felix war kein wählerischer Esser, er war ein kluger Esser, was seiner Meinung nach deutlich besser war, denn ein kluger Esser wurde nie überrascht und nie schwach. Unter den Wurzeln seiner Eiche hatte er im Laufe der Jahre ein ausgeklügeltes System von Vorratskammern angelegt. Im Herbst trug er Eicheln und Bucheckern ein, im Sommer getrocknete Beeren und Grassamen, und in den kühleren Monaten hielt er sich an die kleinen Pilze, die nach Regenfällen aus dem Boden sprossen. Er hatte nie gehungert, nicht ein einziges Mal, und das war, wie er es verstand, kein Zufall, sondern die Frucht sorgfältiger Planung und vielleicht auch eines kleinen bisschen Glücks, obwohl Felix dem Glück nur ungern etwas zugestand.

Natürlich gab es Greifvögel in der Gegend. Das war, wenn er ehrlich war, die einzige Schwierigkeit, die das Leben auf der Wiese mit sich brachte. Ein Bussard mit rotbraunem Schwanz kreiste manchmal träge über der Lichtung, und einmal, vor langer Zeit, hatte Felix eine Schleiereule gesehen, die sich lautlos durch die Dämmerung bewegte wie ein Geist aus weißen Federn. Aber die Vögel mieden diesen Teil der Wiese meistens, und der wahre Grund dafür war nicht das gelegentliche Summen aus den Gebäuden der Menschen im Süden, sondern das tiefe Donnergrollen, das manchmal aus der Ferne über die Ebene rollte und selbst den Boden unter den Wurzeln erzittern ließ. Dann flohen die Vögel auf, noch ehe Felix überhaupt verstand, was dort in der Ferne vor sich ging. Kein Bussard kreiste lange über der Wiese, keine Eule hielt sich gern in der Nähe auf, und genistet wurde in diesem Teil der Landschaft nur selten. Für Felix war das ein Vorteil, ein stiller, zuverlässiger Schutzschild, der keine Pflege brauchte und nie versagte. Die kleineren Geräusche der Menschen, das Brummen von Fahrzeugen, das Surren von Maschinen, das fern herüberwehende Knacken aus Lautsprechern, all das gehörte einfach zum Hintergrund, wie das Rauschen von Wind oder das Knacken von Ästen. Das tiefe, erschütternde Grollen aber hielt die natürlichen Feinde fern, und Felix hatte sich längst daran gewöhnt. Meistens herrschte Frieden. Meistens.

Denn manchmal, und das war das Einzige, das Felix nicht vollständig in seine Vorstellung vom perfekten Leben einordnen konnte, geschah etwas, das alles andere in den Schatten stellte: etwas, das die Luft zum Zittern brachte und in Felix eine seltsame, stille Unruhe hinterließ, für die er noch keinen Namen hatte.

Ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung, brach ein donnerndes Grollen über die Wiese herein, das aus dem Boden aufzusteigen schien und durch Felix' gesamten kleinen Körper fuhr, bis selbst die Eicheln in seinen Vorratskammern gegeneinanderklirrten. Und dann, wenn er sich traute, durch den Eingang seines Baus zu lugen, sah er es: einen gewaltigen Feuerstrahl, der am Horizont gen Himmel schoss, begleitet von einer weißen Wolke aus Rauch und Dampf, die sich wie eine Gottheit über die flache Landschaft erhob.

Diese Maschinen waren unvorstellbar groß, größer als irgendetwas, das Felix je mit eigenen Augen gesehen hatte. Sie standen auf stählernen Beinen, schlank und weiß wie riesige Kerzen, und dann brannten sie, und flogen. Einmal, an einem ungewöhnlich windstillen Abend, war Felix bis zum Rand der Wiese geschlichen, neugierig und ängstlich zugleich, und hatte zwei Menschen beobachtet, die in gelben Westen mit Klemmbrettern in den Händen dagestanden und aufgeregt miteinander gesprochen hatten. Der Wind hatte ihre Stimmen zu ihm herübergetragen, und Felix hatte, wie es seine Art war, sehr genau zugehört.

„Der Start der Rakete war perfekt", hatte der eine gesagt, und der andere hatte genickt und etwas in sein Klemmboard gekritzelt.

Das Wort hatte sich in Felix' kleines, scharfes Gehirn gebrannt wie ein Funke ins trockene Laub. Er hatte es auseinandergezogen, es auf seiner inneren Zunge gerollt, es im Schlaf wiederholt, bis es sich anfühlte wie ein Gegenstand, den er kannte, auch wenn er ihn noch nie berührt hatte. Ra-ke-te. Ein hartes Wort, ein Wort mit Gewicht und Richtung, ein Wort, das aufwärtszeigte.

Er hatte keine Ahnung, was eine Rakete eigentlich war, nicht wirklich.

Aber er wusste, wie sie klang. Er wusste, wie sie roch: nach verbranntem Metall und etwas Scharfem, das in den Nasenlöchern brannte. Und er wusste, wohin sie flogen: hinauf, immer weiter hinauf, bis sie zu einem kleinen, glänzenden Punkt wurden und schließlich im blauen und dann im schwarzen Himmel verschwanden.

Wohin flogen sie? Das fragte sich Felix manchmal, wenn er abends am Eingang seines Baus saß und in den Sternenhimmel schaute. Er kannte die Sterne gut: nicht ihre Namen, die die Menschen ihnen gegeben hatten, aber ihre Positionen, ihre Helligkeiten, die Art, wie sie im Winter tiefer zu stehen schienen als im Sommer. Er kannte den Mond, der manchmal rund und golden über der Wiese aufging und das Gras in silbernes Licht tauchte. Und er fragte sich, ob die Raketen dorthin flogen: zu den Sternen, zum Mond, in die schwarze Stille zwischen den Lichtern.

Es war ein verrückter Gedanke für eine Maus, das wusste Felix. Aber er war eine besondere Maus, das wusste er auch, obwohl er es nie laut ausgesprochen hätte. Er dachte eben an andere Dinge: an Fragen, die keine Antworten hatten, an Orte, die er nie gesehen hatte, an den Klang des Wortes Rakete und daran, was es bedeutete, dass riesige Maschinen aus Stahl und Feuer in den Himmel geschossen werden konnten.

Sein Zuhause war, abgesehen von dem gelegentlichen Grollen und dem Feuerblitz am Horizont, nahezu vollkommen. Das genügte. Für jetzt. Noch.

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